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Genealogisch-heraldische Arbeitsgemeinschaft Roland zu Dortmund e.V.

Joannes Joseph* Hungeringe

männlich 1790 - 1812  (22 Jahre)


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  • Name Joannes Joseph* Hungeringe  [1
    Geboren 8 Mrz 1790  Istrup, Hoxter, Nordrhein-Westfalen Suche alle Personen mit Ereignissen an diesem Ort 
    Geschlecht männlich 
    Referenznummer 1595 
    Gestorben 27 Nov 1812  Russia Suche alle Personen mit Ereignissen an diesem Ort 
    • in der Beresina ertrunken
    Personen-Kennung I1519  Genealogie von Heiko Hungerige
    Zuletzt bearbeitet am 18 Sep 2020 

    Vater Henricus* Wilhelmus Hungeringe, gen. Timpen,   geb. 18 Nov 1742, Herste, Hoxter, Nordrhein-Westfalen Suche alle Personen mit Ereignissen an diesem Ort,   gest. 14 Sep 1814, Istrup, Hoxter, Nordrhein-Westfalen Suche alle Personen mit Ereignissen an diesem Ort  (Alter 71 Jahre) 
    Beziehung natural 
    Mutter Clara Elisabetha Brinckman,   geb. 23 Feb 1748, Istrup, Hoxter, Nordrhein-Westfalen Suche alle Personen mit Ereignissen an diesem Ort,   gest. 5 Jul 1813  (Alter 65 Jahre) 
    Beziehung natural 
    Verheiratet 20 Jul 1773  Istrup, Hoxter, Nordrhein-Westfalen Suche alle Personen mit Ereignissen an diesem Ort 
    Referenznummer 56942 
    Familien-Kennung F687  Familienblatt  |  Familientafel

  • Ereignis-Karte
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  • Dokumente
    Hungerige (2019), Joseph Hungerige - Mit Napoleons Armee nach Russland 1812
    Hungerige (2019), Joseph Hungerige - Mit Napoleons Armee nach Russland 1812
    Biografie von Johannes Joseph Hungerige aus Istrup (heute Brakel), der 1812 mit Napoleons Armee nach Russland zog und dort beim Rückzug über die Beresina gefallen ist.

  • Notizen 
    • 1790 war das Jahr, in dem Kants Kritik der Urteilskraft erschien, Mozarts Oper Così fan tutte uraufgeführt und das Abendlied von Matthias Claudius vertont wurde. Friedrich Wilhelm II. war seit vier Jahren König von Preußen und Kurfürst des Heiligen Römischen Reiches. Dessen Kaiser Joseph II. starb überraschend im Februar 1790, neuer Kaiser wurde der Erzherzog von Österreich, Leopold II. Einen Monat später, am 08. März 1790, wurde Joannes Joseph Hungerige (auch: Hungeringe, Hungrige) in Istrup (seit 1970 zu Brakel) als letztes Kind seiner Eltern Henricus Wilhelmus Hungerige, gen. Timpen (1742 - 1814), und Clara Elisabetha Brinckman (1748 - 1813) geboren.
      Parallel zur Verbesserung der Wohnsituation der Eltern wuchs auch deren Kinderzahl: Zwischen 1776 und 1792 wurden zehn Kinder geboren. Nicht alle erreichten das Erwachsenenalter, mindestens drei sterben bereits früh. Von den fünf Söhnen war Joseph der jüngste und kam damit als Hauserbe nicht in Frage. Sein älterer Bruder Hermann Heinrich (1785 - 1820) zog nach seiner Heirat in das nahegelegene Haus Nr. 50, und nach dem Tod des Vaters 1814 ging Haus Nr. 47 an den erstgeborenen Sohn, Joannes Henricus Antonius Hungerige (1779 - 1846). Die für Letztgeborene in der damaligen Zeit nicht unübliche Entscheidung, entweder Pfarrer oder Soldat zu werden, wurde Joseph aus der Hand genommen: Er wurde als Soldat in die französische Armee eingezogen.
      Im August 1807, Joseph war 17 Jahre alt, wurde Napoleons Bruder Jérôme Bonaparte (1784 - 1860) Regent eines völlig neuen Staates, des Königreichs Westphalen mit der Hauptstadt Kassel, zu dem auch Istrup gehörte. Am 7. Dezember 1807 wurde das Königreich Westfalen nach französischem Vorbild verwaltungstechnisch neu strukturiert, die Commune Istrup gehörte zum Canton Brackel (mit „ck“), Distrikt Höxter im Département der Fulda. Eine Woche später, am 15. Dezember, versprach Jérôme in einer Proklamation, „die Bewohner des Königreichs Westfalen glücklich zu machen“. Nicht wenige Menschen in Westfalen verbanden (zunächst) große Erwartungen mit diesem Versprechen und begrüßten „in den katholischen Franzosen Glaubensbrüder und Befreier von der preußisch-protestantischen Herrschaft“. Über Josephs Lebensumstände in dieser Zeit ist nichts bekannt; aus den Erinnerungen eines Zeitzeugen im März 1848 geht jedoch hervor, dass Joseph zusammen mit acht weiteren jungen Männern aus Istrup am Russlandfeldzug Napoleons teilnahm.
      Bereits 1811 bereitete sich Napoleon auf einen Krieg mit Russland vor; am 24. Juni 1812 überquerte er mit seiner ca. 450.000 Mann starken Grande Armée die Memel. Joseph gehörte dem zweiten Regiment der Chevaulegers des Großherzogtums Berg (Chevau-légers du Grand-duché de Berg) an, das im März 1812 aufgestellt worden war. Am 14. September 1812 hatte Napoleon Moskau erreicht. Da Zar Alexander I. (1777 - 1825) nicht auf sein Friedensangebot einging, zog sich Napoleon am 19. Oktober wieder aus Moskau zurück. Kämpfe mit russischen Truppen, der einbrechende Winter, Krankheiten und die desolate Versorgungslage hatten die Grande Armée inzwischen auf weniger als 100.000 Mann dezimiert. Am 13. November verließen die französischen Truppen Smolensk, jetzt galt es, schnell die Beresina (Bjaresina) zu erreichen, bevor die russischen Armeen von General Wittgenstein (1769 - 1843) und Admiral Tschitschagow (1767 - 1849) den Übergang über den bereits Hochwasser führenden Fluss blockierten. Am selben Tag griff die Division Partouneaux, zu der auch Joseph Hungerige gehörte, die Vorhut Wittgensteins bei Smoliani an. Zwar wurde das Dorf von den Franzosen gestürmt, blieb aber nach schweren Gefechten in russischer Hand. Inzwischen bestand Napoleons Hauptarmee nur noch aus ungefähr 20.000 kampffähigen Soldaten. Am 19. November erreichte Napoleon die Stadt Orscha am Dnepr, dem drittlängsten Fluss Europas, wo er aus dem Depot 36 neue Kanonen erhielt. Um seine Artillerie mobil zu halten, befahl er, 60 Fuhrwerke mit Pontons und Zubehör zu verbrennen, wodurch er 300 zusätzliche Zugpferde gewann. Auch die zwei Brücken über den Dnepr ließ er niederbrennen. Trotzdem konnte er nicht verhindern, dass seine Armee nach weiteren Kämpfen am 21. November von russischen Truppen eingeschlossen wurde.
      Am 26. November blieb Joseph mit weiteren 5000 Soldaten der Division Partouneaux und der Kavalleriebrigade Delaitre als Nachhut des 9. Korps unter Marschall Victor (1764 - 1841) in Borissow an der Beresina zurück; der Rest der französischen Truppen marschierte nach Studjanka, drei Meilen nördlich von Borissow, wo die Franzosen verzweifelt versuchten, aus dem Material eingerissener Häuser zwei Brücken über die Beresina zu errichten - die Pontons waren ja vorher verbrannt worden. Die Furt bei Studjanka war jedoch kaum zu überqueren, Tauwasser hatte den Wasserstand erhöht und die Ufer in schlammigen Morast verwandelt. Der Fluss war so kalt, dass die Pontoniere nur 15 Minuten im Wasser stehen konnten, viele rutschten im Schlamm aus und wurden fortgerissen. Mehrfach brachen die Brücken ein. Am 26. November notierte der preußische Militärtheoretiker Carl von Clausewitz (1780 - 1831): „Man sah Berge toter Leiber von Männern, Frauen und sogar Kindern, von Soldaten aller Nationen, erfroren, zerquetscht oder von russischen Kartätschen zerfetzt.“
      Am 27. November, um die Mittagszeit, überquerte Napoleon mit seiner Garde die Beresina. Die zurückgebliebenen Soldaten reagierten panisch und fühlten sich im Stich gelassen: Viele versuchten ebenfalls die Brücken zu überqueren, stießen andere rücksichtslos zu Seite, wurden von Fuhrwerken zerquetscht oder stürzten selbst in den Fluss. Um 16 Uhr brach die Brücke erneut ein.
      Diese Katastrophe hatte wohl der ehemalige Heeresleutnant Hans Riemann im Sinn, als er im März 1848 dem Lehrer und Istruper Ortschronisten Ferdinand Ernst vom Schicksal Joseph Hungeriges erzählte. In der Ortschronik heißt es: „Joseph Hungrige ist von einem gegenwärtig im März 1848 noch lebenden ehrsamen Bürger zum Dringenberge namens Hans Riemann, damals Leutnant im Heere, vor dem Übergange der Beresina noch gesehen worden. Nach dem Übergange hat er, Riemann, von Joseph Hungrige, welcher Schwager des Riemann war, weder gehört noch gesehen. Wenn die übrigen vielleicht bis zur Beresina nicht gekommen sind, ihr Leben unter anderen Vorkommnissen in den Weiten Rußlands ausgeatmet haben, dann ist Hungrige gewiß unter den Tausenden geblieben, welche in der Beresina ertranken.“
      Doch Joseph war zum Zeitpunkt der Tragödie (einer von vielen in diesem Krieg) gar nicht in Studjanka, sondern noch in Borissow, also gut drei Kilometer entfernt. Währenddessen rückte Wittgenstein mit seiner ganzen Armee auf Borissow zu: „In dieser Lage beeilte sich Partouneaux, die Stadt zu verlassen und dem Feinde entgegen zu rücken, um sich wo möglich durchzuschlagen“. Gegen vier Uhr nachmittags am 27. November verließ die Division Partouneaux mit nur noch 3500 Mann Borissow und marschierte in Richtung Studjanka. Doch Louis Partouneaux wurde umringt und gefangen genommen. Zwei Brigaden und der Kavallerie gelang es, sich bis in die Nähe von Borissow zurück zu ziehen, „wo sie den übrigen Theil der Nacht, auf allen Seiten von Feinden umgeben, zubrachten. Den 28ten Morgens streckten sie das Gewehr. (…) Außer der Division Partouneaux fielen 5 bis 6000 Nachzügler und eine Menge Gepäck Wittgenstein in die Hände.“ Nur 120 Mann erreichten Studjanka, Joseph Hungerige war nicht darunter. Es ist zu vermuten, dass er bei den Kämpfen in der Nacht vom 27. auf den 28. November gefallen ist.
      Im über 1.500 km entfernten Istrup ahnte niemand etwas von diesen Ereignissen. Neun junge Männer aus Istrup waren in den Krieg gegen Russland gezogen, wie der Ortschronist gewissenhaft notiert: „Es sind in dem Krieg 1812 mit dem großen Heere des Napoleon in Rußland gezogen folgende junge Leute aus Istrup: 1. Heinrich Buschmann, Infanterist 2. Hermann Göllner, Husar 3. Christian Fromme, Infanterist 4. Hermann Lohre, Gardegrenadier 5. Hermann Reineke, Infanterist 6. Johann Reineken, desgl. 7. Johann Lohre (Benkelnwilmes) Cürassier 8. Anton Müller, Infanterist 9. Josef Hungrige, cheveaux legere.“ Und zumindest von einigen weiß er auch mehr zu berichten: „Johann Lohre desertierte nach seiner Einberufung und Einkleidung in Cassel 1812 und [wird] wieder eingefangen. Nach seinem Eingeständnisse, dass er die Kriegsregeln wohl verstanden hätte und obschon ihm der Erfolg seiner aufrichtigen Erklärung wohl bekannt ist, wird er erschossen. Heinrich Buschmann war auch desertiert. Nachdem auch er wieder eingefangen, wurde er begnadigt, weil er leugnete die Kriegsregeln verstanden zu haben. Er kam wieder zum Heere, welches nach Russland zog. Auch Anton Müller war desertiert und ist bei Aussetzung eines Generalpardon wieder zur Fahne gegangen.“ Lakonisch beendete der Ortschronist die Aufzählung mit den Worten: „Von obigen allen ist keiner wieder aus Rußland heimgekommen.“
      Mehr als 30.000 Westfalen waren mit Napoleon nach Russland marschiert, nur wenige kehrten zurück. Ab wann genau die Eltern von Joseph Hungerige davon ausgehen, dass auch ihr Sohn nicht mehr zurückkehren wird, bleibt ungewiss. Josephs Mutter Clara Elisabeth starb am 5. Juli 1813, Vater Ricus ein Jahr später am 14. September 1814. Erst vier Jahre später, am 23. Dezember 1818, erschien in der Beilage zum Paderbornschen Intelligenzblatt ein Aufruf des Königlich-Preußischen Land- und Stadtgerichts vom 7. November 1818, Johann Joseph Hungerige und seine möglicherweise hinterbliebenen Erben mögen sich binnen der nächsten drei Monate melden, „widrigenfalls derselbe für todt erklärt, und sein vorhandenes Vermögen den nächsten Verwandten verabfolgt werden solle“. In rascher Folge wurde der Aufruf am 13. Januar und 3. Februar 1819 fast textidentisch erneut gedruckt. Ob sich einer von Josephs drei älteren Brüdern, Johann Heinrich Anton († 1836), Johann Heinrich († 1820) oder Hermann Heinrich († 1820), auf diesen Aufruf meldeten, ist nicht bekannt.
      Als am 12. Dezember 1817 die königlich preußische Regierung zu Minden das Führen von Dorfchroniken durch jede Gemeinde zur Pflicht machte, fasste der Istruper Ortschronist Ferdinand Ernst die Ereignisse der Jahre 1811 bis 1817 in knapper Form zusammen. Zum Jahr 1812 und den Ereignissen in Russland schrieb er lediglich: „War das Jahr in welchem das Heer des großen Napoleon durch Hunger und Kälte umkam. Die Kälte soll hier später eingetroffen sein.“

  • Quellen 
    1. [S491] International Genealogical Index (R), The Church of Jesus Christ of Latter-day Saints, (Name: Copyright (c) 1980, 2000, data as of January 2000;).